Ein gutes Resilienztraining lebt nicht nur von seinen Inhalten, sondern vor allem davon, wie diese Inhalte erlebt werden. Gerade wenn du bereits mehrere Kurse geleitet hast, kennst du wahrscheinlich viele bewährte Übungen. Gleichzeitig tut es gut, immer wieder neue Methoden auszuprobieren und bekannte Themen aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Denn manchmal braucht es gar keine völlig neue Theorie. Eine andere Frage, ein ungewohnter Einstieg oder eine kleine Veränderung im Ablauf können schon dafür sorgen, dass eine Kurseinheit wieder frischer und lebendiger wird.
Hier findest du fünf Methoden, die du direkt in dein nächstes Resilienztraining integrieren kannst – vom Einstieg bis zum Abschluss.
1. Einstieg: „Mein inneres Wetter“
Ziel: Ankommen, Stimmung wahrnehmen und einen persönlichen Einstieg schaffen
Gerade zu Beginn eines Kurses lohnt es sich, nicht sofort mit dem eigentlichen Thema zu starten. Die Teilnehmenden kommen mit unterschiedlichen Gedanken, Erlebnissen und Energien in den Raum. Ein kurzer Moment zum Ankommen schafft Aufmerksamkeit und Verbindung.
So funktioniert es:
Bitte die Teilnehmenden, ihr aktuelles Befinden mit einer Wetterlage zu beschreiben.
Zum Beispiel:
- sonnig – ich bin voller Energie
- leicht bewölkt – eigentlich ganz gut, aber ...
- regnerisch – heute ist einiges los
- Gewitter – ich bin gerade ziemlich angespannt
- wechselhaft – mal so, mal so
- neblig – ich weiß gerade gar nicht so genau, wie es mir geht
Die Teilnehmenden können ihr „Wetter“ kurz benennen oder – wenn die Gruppe vertraut miteinander ist – in ein bis zwei Sätzen erklären.
Variante:
Du kannst die Wettermetapher später wieder aufgreifen:
„Hat sich dein inneres Wetter im Laufe der Stunde verändert?“
So wird bereits zu Beginn eine Verbindung zu Selbstwahrnehmung und Achtsamkeit hergestellt.
Kursleitungstipp
Du brauchst nicht jede Äußerung zu kommentieren. Ein wertschätzendes „Danke“ reicht häufig völlig aus. Die Methode soll kein ausführliches Gespräch erzeugen, sondern einen kurzen Moment des bewussten Ankommens schaffen.
2. Austausch: „Was würde dir dein zukünftiges Ich raten?“
Ziel: Ankommen, Stimmung wahrnehmen und einen persönlichen Einstieg schaffen
„Stell dir vor, du blickst in einem Jahr auf deine aktuelle Situation zurück. Du hast sie gut bewältigt. Was würdest du deinem heutigen Ich aus dieser Perspektive raten?“
Die Teilnehmenden notieren zunächst für sich zwei oder drei Gedanken.
Anschließend können sie sich zu zweit austauschen:
- Was würde mein zukünftiges Ich mir sagen?
- Was sollte ich vielleicht nicht mehr so wichtig nehmen?
- Was könnte ein erster kleiner Schritt sein?
- Was habe ich vielleicht schon längst an Ressourcen zur Verfügung?
Warum funktioniert die Methode?
Der Perspektivwechsel kann helfen, gedanklich etwas Abstand von einer aktuellen Herausforderung zu gewinnen. Gleichzeitig richtet sich der Blick stärker auf Möglichkeiten und nächste Schritte.
Damit lässt sich die Übung wunderbar mit den Resilienzfaktoren Zukunftsorientierung und Lösungsorientierung verbinden.
3. Reflexion: „Der Ressourcen-Rucksack“
Ziel: Eigene Ressourcen sichtbar machen
Resilienz bedeutet nicht, schwierige Situationen immer allein bewältigen zu müssen. Wir verfügen über ganz unterschiedliche Ressourcen – manche davon sind uns im Alltag gar nicht bewusst.
Mit dem Bild eines Rucksacks kannst du dieses Thema sehr anschaulich machen.
So funktioniert es:
Bitte die Teilnehmenden, sich einen persönlichen Ressourcen-Rucksack vorzustellen.
Was befindet sich darin?
Zum Beispiel:
- Fähigkeiten
- Erfahrungen aus denen ich gelernt habe
- Menschen, die mir guttun
- Orte, an denen ich auftanken kann
- Dinge, die mir Freude machen
- persönliche Stärken
- hilfreiche Gewohnheiten
- Wissen
- Werte
Dann folgt die zentrale Frage:
„Was hast du in deinem Rucksack, das dir hilft, wenn es schwierig wird?“
Anschließend:
„Was davon nutzt du regelmäßig – und was hast du vielleicht schon länger nicht mehr hervorgeholt?“
Vertiefung:
Die Teilnehmenden können einen Gegenstand oder eine Ressource auswählen und überlegen:
„Wie könnte ich diese Ressource in den nächsten sieben Tagen bewusster nutzen?“
Damit wird aus einer Reflexionsübung direkt ein kleiner Transfer in den Alltag.
4. Aktivierung: „Resilienz-Positionen“
Ziel: Bewegung, Aktivierung und Perspektivwechsel
Wenn eine Gruppe längere Zeit gesessen und gesprochen hat, oder auch nach einer Pause z.B. wenn das Mittagstief, kann ein körperlicher Perspektiv- und Positionswechsel sehr gut tun.
So funktioniert es:
Du definierst im Raum verschiedene Positionen. In einem Online-Kurs könntest du das über ein Whiteboard mit verschiedenen Bereichen darstellen.
Zum Beispiel:
Position 1: „Das kann ich beeinflussen.“
Position 2: „Das kann ich teilweise beeinflussen.“
Position 3: „Das kann ich nicht beeinflussen.“
Nun nennst du verschiedene Alltagssituationen:
„Mein Kollege reagiert gereizt auf mich.“
„Ich bekomme kurzfristig eine zusätzliche Aufgabe.“
„Das Wetter am Wochenende ist schlecht.“
„Ich habe zu wenig Zeit für alles, was ich erledigen möchte.“
Die Teilnehmenden positionieren sich im Raum (oder markieren/stempeln auf dem Whiteboard) dort, wo sie die jeweilige Situation einordnen.
Tipp: Eine weitere Möglichkeit ist hier die Nutzung von interaktiven Tools wie z.B. Mentimeter. Hier geben die Teilnehmenden Antworten über ihre Mobiltelefon ein – das Ergebnis ist für alle direkt live und animiert sichtbar.
Anschließend kannst du fragen:
„Was macht es mit dir, wenn du zwischen beeinflussbar und nicht beeinflussbar unterscheidest?“
Oder:
„Was verändert sich, wenn du deinen Blick auf deinen eigenen Einflussbereich richtest?“
Warum ist die Methode spannend?
Die Teilnehmenden denken nicht nur über Resilienz nach, sondern erleben einen Perspektivwechsel körperlich.
Außerdem entsteht häufig ganz automatisch ein Austausch Jemand könnte feststellen: „Ich hätte die Situation ganz anders eingeordnet.“ Genau solche kleinen Irritationen können wertvolle Gespräche in Gang bringen.
5. Abschluss: „Ein Satz für die nächste Woche“
Ziel: Erkenntnisse sichern und Transfer fördern
Am Ende eines Resilienztrainings ist die Versuchung groß, noch schnell die wichtigsten Inhalte zusammenzufassen. Oft ist weniger jedoch mehr.
Gib den Teilnehmenden stattdessen einen Moment, um ihre persönliche Erkenntnis zu formulieren.
So funktioniert es:
Bitte jede Person, einen Satz zu vervollständigen:
„Aus der heutigen Einheit nehme ich mit, dass …“
Oder:
„In der nächsten Woche möchte ich ausprobieren, …“
Oder etwas persönlicher:
„Wenn es in den nächsten Tagen stressig wird, möchte ich mich daran erinnern, dass …“
Die Antworten können aufgeschrieben werden. Wer möchte, kann seinen Satz anschließend mit der Gruppe teilen.
Kleine Besonderheit:
Lass die Teilnehmenden ihren Satz auf dem Handy als Notiz speichern oder fotografieren.
So verschwindet die Erkenntnis nicht einfach mit dem Ende des Kurses, sondern kann später noch einmal auftauchen.
Methoden sind kein Selbstzweck
Neue Methoden können ein Resilienztraining bereichern. Aber eine gute Methode ist nicht automatisch die richtige Methode für jede Gruppe.
Bevor du eine Übung einsetzt, lohnt sich deshalb die Frage:
„Was sollen die Teilnehmenden durch diese Methode erleben, erkennen oder ausprobieren?“
Wenn du darauf eine klare Antwort hast, wird die Auswahl der Methode viel einfacher.
Und manchmal bedeutet „lebendiger“ auch gar nicht, mehr Methoden einzubauen. Ein ruhiger Moment, eine gute Frage oder ein ungewohnter Perspektivwechsel können genauso wirkungsvoll sein.
Trau dich, deinen eigenen Stil zu entwickeln
Als erfahrene Kursleitung musst du nicht jede neue Methode ausprobieren. Entscheidend ist, dass du Methoden findest, die zu dir, deiner Gruppe und deinem Kursziel passen.
Vielleicht nimmst du dir für deine nächste Kurseinheit nur eine dieser fünf Ideen vor und probierst sie aus.
Beobachte anschließend:
Was hat sich in der Gruppe verändert? Was hat gut funktioniert? Was würdest du beim nächsten Mal anders machen?
Denn genau dadurch entwickelt sich auch deine eigene Kursleitung weiter.
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Hallo! Ich bin Annegret. Ich bin erfahren mit seelischen Krisen und seit 10 Jahren Resilienztrainerin und Entwicklerin für Kurskonzepte, habe über 150 Kursleitungen geschult und auf ihrem Weg zum eigenen Präventionskurs begleitet.
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